Marketing im Kindergarten

von Kadna (Kommentare: 0)

Bereits um die Jahrtausendwende herum haben sich findige Menschen Gedanken um die Zukunft von Kindertagesstätten gemacht. ZwinkerndHier ein interessantes "Interview":

Nachrichtensprecher: fünf Jahre nach der Einführung eines Kindergartenmanagements (KiM) ist der durch diese Normenreihe gesetzte Standard im Kindergarten nicht mehr wegzudenken und zur bundesweit wichtigsten Qualitätsnorm, der „Gloriefix“ überhaupt geworden. Bereits 5000 Kindergärten haben sich glorifizieren lassen. Für Unternehmensberater ist das Ende des lukrativen Marktes nicht abzusehen. Abzusehen war allerdings das Verschwinden der Fachberaterinnen, die dem ungeheuren Konkurrenz- und Erwartungsdruck der freien Beraterinnen nicht standhalten konnten. Die neuen Steuerungsmodelle ließen die Träger hoffen, wieder Qualität für die Kinder und das Vertrauen der Geldgeber in den Kindergarten zu gewinnen. Für weitere Informationen über die Revolution im Kindergartenbereich schalten wir zu unserer Reporterin Frau Fröhlich.

Reporterin Fröhlich: Ja, wir stehen hier vor dem Kindergarten „Glückliche Kindheit“ und bei uns ist im Moment die Sprecherin von QEG (Qualitäts-Erzieherinnen-Gemeinschaft) Frau Lieschen Klönschnack-Schnute. Frau Klönschnack-Schnute, wie haben Sie es geschafft das Vertrauen der Geldgeber zu gewinnen?

Frau Klönschnack-Schnute: Wir wollen nicht nur unsere Kunden beeindrucken, sondern die Sache muss sich auch rechnen. 20 % Kostensenkung innerhalb der nächsten drei Jahre sind allemal drin. Nehmen Sie allein den Stuhlkreis. Nachdem wir den Stuhlkreis auf einen Qualitätszirkel umgestellt haben und sich die Kinder der jeweiligen Problemlösung selbst annehmen, konnten die wenigen verbliebenen pädagogischen Mitarbeiterinnen in dieser Zeit für andere Dinge freigesetzt werden. Lediglich eine Mitarbeiterin bemüht sich regelmäßig um die Stuhlkreis-Multiplikatorentreffen. Weil die Kindergärten mit dem neuen KiM-System schneller und flexibler funktionieren, bleibt mehr Zeit gerade für die kreative Arbeit. Jedem Kind kann somit auch ein individuelles Betreuungspaket angeboten werden.

Reporterin: Vielen Dank Frau Klönschnack-Schnute. Nun wollen wir aber doch wissen wie geht es den betroffenen Erzieherinnen mit den neuen Kiga-Modellen. Ah, da begrüßen wir auch schon Frau Kinderklein, die Leiterin aus dem evangelischen Kindergarten „Vergessenen Welten“. Sagen Sie Frau Kinderklein, wie sehen sie die ganze Kindergartenentwicklung?

Frau Kinderklein: Wir haben die besten Erfahrungen für unsere Einrichtung gemacht. Wir gehen mittlerweile dazu über, dieses Leistungspaket aus den persönlichen Daten der Herkunftsfamilie und den demographischen wie soziologischen Kennziffern mittels Computer zu ermitteln. Mancherorts wird bereits das von den Kindern gesehene Fernsehprogramm berücksichtigt und mit ausgewertet. Natürlich ist die Fehlerhäufigkeit geringer im Gegensatz zu der Erkenntnisgewinnung aus den traditionellen verbal orientierten Aufnahmegesprächen der früheren Zeit. Das Ergebnis dieser Computerauswertung ist ein auf das einzelne Kind abgestelltes individuelles Service-Paket.

Reporterin: Frau Kinderklein, wie kommt denn nun dieses Service-Paket zum Kind?

Frau Kinderklein: Sie müssen sich das als Modulsystem vorstellen, das individuell an der Qualitätsbereitschaft des Kindes und dem Geldbeutel der Eltern orientiert werden kann! Zunächst gibt es für jedes Kind ein Grundmodul „Betreuung“ (Rechtsanspruch). Neben dieser Grundausstattung gibt es zum Beispiel noch das „Kreisspielmodul“, das „Bewegungsmodul“, das „Zuwendungsmodul“ als kostenpflichtiges und individuelles Zubehör. Früher war das Angebot der Aktivitäten im Kindergarten u. a. von der Tagesform und der Sympathie der Mitarbeiterin zu einzelnen Kindern abhängig. Heute können wir uns das nicht mehr leisten.

Reporterin: Danke Frau Kinderklein, für Ihre Informationen, doch nun zu Frau Schreckauf, der Trägerin der Ev. Kita „Vergessene Welten“. Frau Schreckauf, wie wird dieses System praktiziert und vor allem abgerechnet?

Frau Schreckauf: Erste Schritte zur Umsetzung ergaben sich aus der O.K.-Bewegung (Offener Kindergarten) nicht zu verwechseln mit der K.O.-Bewegung, der Kundenorientierung. Also, der Offene Kindergarten bereitete mit seinen Funktionsräumen für Kinder erst den Weg und machte eine Prüfung der Zugangsberechtigung mittels Chipkarte möglich, die heutzutage auf keiner Buttertasche mehr wegzudenken ist. Anfänglich setzten die Kinder nach Neigung und Interesse Ihre Karte ein, doch nachdem in einzelnen Fällen hohe Monatsrechnungen den Eltern präsentiert wurden, sah man sich auf Weisung der Eltern gezwungen, Zugangsbeschränkungen für die Kinder zu vollziehen, eben das selektive Modulsystem einzuführen. Im Übrigen sehen viele pädagogische Mitarbeiterinnen erst hierdurch die wirkliche kindgerechte Kundenorientierung. Heute ermöglicht also nur noch den unbeschränkten Zugang zu den Modulen die „Goldene Kindergartenkreditkarte“.

Reporter: Bis jetzt waren ja nur positive Stimmen zu hören. Aber fragen wir doch mal Frau Anita Birkenschuh, Sprecherin der Arbeitsgruppe gegen soziale Ungerechtigkeiten. Frau Birkenschuh, wie stellen sie sich die Gleichbehandlung der Kinder vor?

Frau Birkenschuh: Also die sozialen Ungerechtigkeiten könnten durch Sponsoring gemindert werden. Die „Goldene Kreditkarte“ für das Kind könnte zum Beispiel durch eine Wohltätigkeitstombola ergattert werden. Oder bewusst ausgewählte Kindergarten-Stipendiaten könnten sich dem Firmensponsor erkenntlich zeigen, in dem die Glücklichen ein T-Shirt mit der Aufschrift tragen: „Ich bin ein Sponsörchen von Firma Meier!“ Das schöne gerade an dem Modulsystem ist die Möglichkeit, einzelne Aktivitäten abrechenbar zu machen. So könnte zum Beispiel das „Spaziergang-Modul“ gefördert werden von einem Schuhgeschäft. Als Gegenleistung würden die Kinder beim Gruppenspaziergang Überhängplakate tragen mit der Aufschrift: „Diesen Spaziergang machte Schuster Müller möglich!“ Wir von der Arbeitsgruppe gegen soziale Ungerechtigkeiten würden so eine Gleichbehandlung aller Kinder sehen.

Reporter: Danke Frau Birkenschuh. Nun aber doch zu jemanden der aus den Anfängen dieser Revolution im Kindergartenbereich berichten kann. Ich darf Frau Rosi Fachschlau begrüßen, eine der wenigen Fachberaterinnen, die es noch gibt. Doch zurück zu den Anfängen vor Jahren. Im Rahmen der outputorientierten Steuerung hatte eine Kommune festgestellt, dass das freie Prickeln wesentlich kostenaufwändiger ist als das Prickeln von z.B. schablonisierten Osterhasen. Während Pädagogikfundamentalisten noch damit beschäftigt waren, die Sinnhaftigkeit des Prickelns infrage zu stellen, wandte sich bei einem Outputwettbewerb die Fachöffentlichkeit der Frage zu, wie viel Schablonen beim Prickeln gestapelt werden könnten, um Betreuungsaufwand zu reduzieren. Alle Fachleute gingen von der Grundannahme aus, es müssen ja nicht alle Kinder prickeln. Da die Erzieherinnen ohnehin nicht nach schneiden, sind die Ergebnisse für die Kinder selbst sowieso nicht mehr zu unterscheiden. Als Erfolg wurde damals gefeiert, dass durch diese offensive Maßnahme der intensivpädagogische Aufwand beim Prickeln um 15 Minuten je Gruppe reduziert werden konnte. Das bis dahin verpönte Kosten/Nutzen-Denken im Kindergarten bekam einen neuen Stellenwert und ermöglichte völlig neue Argumentationsketten. Hatte man früher erhebliche Bedenken und Scheu, die Kosten für die Beziehungsarbeit der Erzieherinnen zu benennen, so sind diese Bedenken heute weitestgehend ausgeräumt.

Reporterin: Nun zum Abschluss hören wir noch einmal Frau Schreckauf, die uns ihre Zukunftsideen darlegen wird.

Frau Schreckauf: Ja unser Kindergarten ist konkurrenzfähig. Bleibt er es auch in Zukunft? Wird das neue, effektivere und aus der freien Wirtschaft getragene „Just-in-time“-Konzept, früher als so genannter „Wald-Kindergarten“ bekannt, eine Antwort geben? Ich glaube nicht, denn dieses Konzept ist mit dem Chipkartensystem nicht kompatibel. Aber, und da bin ich mir sicher, die Zukunft des Kindergartens liegt unbedingt im Marktsegment verlässliche Beziehung, also dem Kundendienst. Dort muss er sich stärker engagieren. Und wenn Sie mich fragen, liegt deshalb die Chance des Kindergartens eindeutig im „Kindernet“ begründet. Der „virtuelle Kindergarten“ mit seiner kindgerechten Benutzeroberfläche wäre abrufbar aus jedem Kinderzimmer unabhängig von Öffnungszeiten und Einzugsgebieten. Die Kinder könnten in ihrem vertrauten Kinderzimmer bleiben und ganz Nutzer orientiert nach ihren Neigungen ihren Tagesablauf zusammenstellen. Auch die Gruppenzusammensetzung könnte vom Kind virtuell und online selbst gesteuert werden. Doch das Beste daran, das störungsanfälligste, oftmals qualitätsmindernde- und kostenintensivste Moment im Kindergarten wäre endlich überflüssig: das pädagogische Personal. Haben Sie noch weitere Anregungen und Vision? Ich bin daran interessiert.

Reporterin: Vielen Dank Frau Schreckauf. Hiermit gebe ich zurück zu den Nachrichten

Vorgetragen von: Pastorin Baumgarten, Siebenbäumen, Faru Einsiedler, Flensburg und
Frau Mikkelsen, Fockbek

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